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KAPITEL 5 - Scheinriese

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Resigniert blicke ich auf das Chaos, das sich vor meinen Augen in meinem Wohnzimmer ausbreitet und mir wird ganz schlecht, als ich die ganzen leeren Chipstüten, Schokoladen-Verpackungen und Pizzakartons auch nur ansehe. Mein Magen sendet mir eindeutige Signale, die mich dazu veranlassen, diesen Ort des Grauens so schnell wie möglich zu verlassen und mich in die Küche zu retten, die weitgehend verschont geblieben ist, von dem vor-abendlichen Massaker. Während das Wasser zu kochen beginnt, tippe ich schnell eine kurze Nachricht an Josh in mein Handy und mache mich langsam daran, mit Müllsack und Handschuhen bewaffnet, das Schlachtfeld wieder in einen Wohnraum zurück zu verwandeln. Die Krümel in der Sofaritze reichen vermutlich noch als Mahlzeiten für die nächsten drei Tage.  Als Josh endlich an meiner Tür klingelt habe ich das Wohnzimmer immerhin schon zu einem ganz ansehnlichen Zustand gebracht.  "Ich hätte dir auch helfen können. Das wäre wesentlich schneller gegangen....

KAPITEL 4 - Lenny

"Kannst du mir mal die Chips da geben?" Ich seufze und reiche Lenny die Tüte mit den extra scharfen Chips. Er hat es sich auf meinem Sofa bequem gemacht, den Couchtisch ganz nah zu sich ran geschoben und eine kleine Festung aus Snacks und Getränken um seine Ruhestätte aufgebaut. Fast mein gesamter Süßigkeitenvorrat ist schon drauf gegangen, aber der Film ist noch lang und Lenny braucht nicht lange bis er die Hand schon weit in die Tüte stecken muss. Lenny gehört zu den Leuten, die keine besondere Einladung brauchen um vor deiner Tür zu stehen. Es gibt Tage, da kommt er einfach rein, flätzt sich auf mein Sofa oder mein Bett, als wäre es sein Zuhause und sendet mit seiner Anwesenheit den Befehl: Filmabend aus. Meistens kommt er genau an den Tagen, an denen ich sowieso schon total erledigt bin. Widerstand ist daher selten. Mit Lenny reden zu wollen hat keinen Sinn. Man könnte genauso gut mit einer Wand reden. Einmal habe ich tatsächlich versucht ihm einfach nicht die Tür zu ö...

KAPITEL 3 - Verlorene Stimme

"Deine Zeit ist begrenzt. Deshalb vergeude dein Leben nicht damit, das Leben eines Anderen zu leben. Lass den Lärm der Meinung anderer nicht deine innere Stimme ersticken. Und was am wichtigsten ist: hab den Mut, deinem Herzen und deiner Intuition zu folgen."  Wahrhaft inspirierende Worte vom Gründer des weltweit größten Apfel-Unternehmens. Und mal eine erholsame Abwechslung der künstlerischen Innengestaltung der Damen-Sanitäranlagen des Philosophie-Gebäudes meiner Uni.  "Das Leben der Anderen". Gab es da nicht mal so einen Film? Aber der war irgendwie über Bespitzelung in der DDR. Apropos bespitzelt. Riya steht schon bei den Waschbecken und wartet auf mich und wieder muss ich enttäuscht feststellen, dass mein Gebet einer sofortigen Entrückung (egal ob von ihr oder von mir) nicht in Erfüllung gegangen ist. Ich mustere sie unauffällig, während ich mir die Hände wasche und mein Blick bleibt an ihrem übergroßen grauen Pulli hängen. Sie sieht richtig verloren in de...

KAPITEL 2 - I follow you

Aus den Tiefen meiner Traumwelt dringt das ferne Schrillen meines Weckers an mein Ohr. Mühsam kämpft sich mein Geist wieder an die Oberfläche der Realität, während meine Finger schon routiniert den Weg zum richtigen Knopf gefunden haben, der das morgendliche Folterinstrument zum Schweigen bringt. Vorsichtig strecke ich meinen rechten Fuß unter der Bettdecke hervor, um ihn direkt wieder in die kuschelige Wärme zurück zu ziehen.  Ich habe tatsächlich fast acht Stunden geschlafen, aber ich fühle mich trotzdem wie gerädert. Meine Gedanken verschwimmen wieder und Farben aller Couleur tanzen vor meinen Augen. Ein untrügliches Zeichen, dass ich gleich wieder... Ich fahre hoch und bin sofort hellwach. Der Wecker neben mir verheißt eine ungute Uhrzeit: 08:40.  Ich stöhne und wuchte mich ächzend aus dem Bett. Eine schnelle Katzenwäsche muss genügen. Die Kleider reiße ich fast wahllos aus meinem Kleiderschrank. Ich schmeiße meine Unterlagen, Stifte und den Kalender in meine Ta...

KAPITEL 1 - Riya

(Soundtrackempfehlung: https://www.youtube.com/watch?v=uJgPGCrpZIY)  Mit einem Fauchen fährt der Windstoß unter meinen Schirm und ich habe alle Mühe ihn mit beiden Händen fest- und einigermaßen stabil zu halten. Der Regen trommelt mit tausend Fingern auf mich herab und der kalte Wind sucht sich seinen Weg in meine Kleider und schickt mir eine Gänsehaut über den Rücken. Der Himmel ist dunkel, verhangen von Gewitterwolken und ich bin dankbar, dass ich es nicht mehr weit habe bis zu meiner Wohnung. Außer mir ist jetzt keiner mehr zu Fuß unterwegs. Ich sehe ein paar vereinzelte Autos, aber die Sonne ist schon untergegangen und die meisten Fenster hell erleuchtet. Zu dieser Uhrzeit und bei diesem Wetter geht kein normal denkender Mensch noch aus dem Haus. Aber von normal war bei mir ja noch nie die Rede. Erleichtert rette ich mich unter das Vordach vor meiner Haustüre und schaue für einige Minuten in den Regen. Das Prasseln über mir. Das Klimpern der Tropfen auf der gepflaster...

PROLOG - Von Inseln und Goldenen Drachen...

"Eine Insel mit zwei Bergen und dem tiefen weiten Meer,  mit viel Tunneln und Gleisen und dem Eisenbahnverkehr. Nun, wie mag die Insel heißen? Ringsherum ist schöner Strand. Jeder sollte einmal reisen in das schöne Lummerland." "Was summst du da vor dich hin?" Ich trete neben Josh und schaue ihm dabei zu, wie er die Zwiebeln mit dem großen Küchenmesser verarbeitet und zu kleinen Stücken hexelt, bevor er sie mit einem eleganten Schwung in die Pfanne befördert. Ich finde es bewundernswert, dass er dabei überhaupt keine Miene verzieht. Ich trete vorsichtshalber wieder zwei Schritte zurück.  Josh grinst und ist schon dabei, der nächsten Zwiebel die Haut abzuziehen.  "Hast du schon mal darüber nachgedacht, dass das Buch "Jim Knopf und Lukas der Lokomotivführer" kein Kinderbuch sein könnte?"  "Bitte was?"  "Was an meiner Frage hast du nicht verstanden?"  "Äh. Entschuldige. Ich meinte: Bitte was?" Josh ...