KAPITEL 2 - I follow you

Aus den Tiefen meiner Traumwelt dringt das ferne Schrillen meines Weckers an mein Ohr.
Mühsam kämpft sich mein Geist wieder an die Oberfläche der Realität, während meine Finger schon routiniert den Weg zum richtigen Knopf gefunden haben, der das morgendliche Folterinstrument zum Schweigen bringt.
Vorsichtig strecke ich meinen rechten Fuß unter der Bettdecke hervor, um ihn direkt wieder in die kuschelige Wärme zurück zu ziehen. 
Ich habe tatsächlich fast acht Stunden geschlafen, aber ich fühle mich trotzdem wie gerädert. Meine Gedanken verschwimmen wieder und Farben aller Couleur tanzen vor meinen Augen. Ein untrügliches Zeichen, dass ich gleich wieder...
Ich fahre hoch und bin sofort hellwach. Der Wecker neben mir verheißt eine ungute Uhrzeit: 08:40. 
Ich stöhne und wuchte mich ächzend aus dem Bett. Eine schnelle Katzenwäsche muss genügen. Die Kleider reiße ich fast wahllos aus meinem Kleiderschrank. Ich schmeiße meine Unterlagen, Stifte und den Kalender in meine Tasche, während in der Küche der Toaster mein Frühstück präpariert. Toast mit Schinken und Käse auf die Hand. Ein Blick auf mein Spiegelbild genügt, um mich davon zu überzeugen, dass ich heute jedem dieser Teufelsdinger aus dem Weg gehen werde. 
Schuhe an. Jacke übergeworfen. Rucksack auf den Rücken. Schlüssel vom Haken. 
Achtung, Achtung! Ein wildes Mi hat soeben ihre Wohnung verlassen und rast wie von der Tarantel gestochen zu der Bushaltestelle vor dem Postamt. Entgegenkommende Passanten sollten besser auf Sicherheitsabstand gehen!
Die kalte Herbstluft schneidet mir in die Lunge, aber ein Blick auf meine Uhr treibt mich trotzdem zur Eile an. Noch 2 Minuten. Hundert Meter vor der Bushaltestelle verfalle ich in einen leichten Trab. Mein Magen knurrt. Der Toast in meiner Hand muss sich noch einige Minuten gedulden, bis er endlich seine Reise in die ewigen Magengründe antreten darf. 
Josh sieht mich schon von weitem und verfolgt amüsiert, wie ich mich mit letzter Kraft an die Bushaltestelle schleppe, genau pünktlich zum Eintreffen des Busses. Er steigt vor mir ein und lässt mir noch etwas Zeit zum Verschnaufen. Drinnen lasse ich mich neben ihn auf den Sitz fallen und hole das Atmen nach, das ich bei dem Sprint die Minuten zuvor ein wenig vernachlässigt habe. 
"Na? Gut geschlafen?" 
Ich japse noch nach Luft und kann nur Nicken und ein zustimmendes Ächzen von mir geben. 
Josh streichelt mir über den Kopf. "Aber du hast es ja noch geschafft." 
Mein Herzschlag beruhigt sich langsam wieder und als meine Finger endlich aufgehört haben zu zittern schaffe ich es auch endlich, den Toast zu verspeisen. Zufrieden seufze ich auf und freue mich, dass meine Lebensgeister einer nach dem anderen wieder bei mir eingetrudelt kommen. 
"Du wirst nicht glauben, was ich heute Nacht geträumt habe. So ein Mist, wirklich!"
Ich muss auch jetzt noch bei so viel Verrücktheit den Kopf schütteln. "Aha, was denn?"
"Ich hab geträumt, dass so eine Irre auf einmal in meiner Wohnung stand und mir Tee gekocht hat. Dann hat sie sich einfach so in mein Bett gelegt und mir gesagt, ich soll doch bitte ruhig sein, damit sie schlafen kann." "Tja, nur blöd, dass es kein Traum war, oder?"
Ich fahre herum und schaue direkt in das Gesicht aus meinem Traum, nur dass heute die Make-up-Spuren aus Riyas Gesicht verschwunden sind und ihr Haar etwas zerzaust wirkt.
Sie blickt mich düster an. Eine Gänsehaut macht sich auf meinem Rücken breit. Ich möchte am liebsten sofort aufstehen und den Bus verlassen, aber bis zur Uni sind es noch 3 Stationen und zu Fuß brauche ich dafür locker eine halbe Stunde, die ich nicht habe. 
"Weißt du eigentlich, dass der Typ da dir die ganze Zeit schon auf die Beine starrt? Hättest dir mal besser was längeres angezogen." Ich folge ihrem Blick. "Der Typ" sieht ausgesprochen unauffällig aus. Die Frau hat wirklich ein paar Krimis zu viel gesehen. Mein Blick fällt auf den Rock, den ich mir vor einer Viertelstunde geschnappt habe. Naja. Lang ist wirklich was anderes, aber trotzdem. Was gibt es da denn bitte zu sehen? 
"Männer sind alles Schweine," höre ich sie hinter mir murmeln, aber ich habe beschlossen, jedes weitere Wort von ihr einfach zu ignorieren. "Ich ruf mal gerade meine Vermieterin an," sage ich zu Josh und höre schon das Tuten an meinem Ohr, als Riya sich wieder zu Wort meldet. "Richte ihr liebe Grüße von mir aus und sag ihr, die Wohnung gefällt mir sehr gut. Ich werde vermutlich für länger bleiben." "Hallo?" "Ja. Hallo Frau Frederik? Mi Schwege hier. Ich wollte mal fragen. Ist das mit Ihnen abgesprochen, dass seit gestern eine Riya in meiner Wohnung wohnt?" Ich höre Frau Frederik am anderen Ende der Leitung lachen. "Ja, meine Liebe, das war doch so vereinbart!" Ich verschlucke mich fast an meiner eigenen Zunge. "Wie bitte? Wann haben wir denn das vereinbart?" "Naja. Das war doch schon bei ihrem Einzug so abgemacht, dass ich noch eine geeignete Mieterin für das zweite Zimmer finden werde. Sie können doch erleichtert sein. Das kostet sie weniger Miete, weil sie nicht mehr alles alleine zahlen müssen.Sie werden sich bestimmt gut verstehen!"
Eine schwarz-weiße Erinnerung taucht düster in meinem Gedächtnis auf und ich knirsche mit den Zähnen, weil ich weiß, dass sie Recht hat. Am liebsten würde ich giftig fragen, was, um alles in der Welt, sie an Riya für geeignet hält, aber ich halte mich gerade noch zurück. Es führt sowieso zu nichts und ich habe keine Intention, meine geliebte Wohnung aufzugeben. Eher bringe ich diese Verrückte dazu wieder auszuziehen. Ich bemühe mich um ein Lächeln, aber meine Gesichtszüge fühlen sich an wie in Gips gegossen. "Ich erinnere mich. Ja, Frau Frederik. Vielen Dank! Ihnen auch einen guten Tag!" Ich lege auf. Josh sieht mich fragend an. Ich schüttele nur niedergeschlagen den Kopf.
Wir sind inzwischen angekommen. Die Bustüren öffnen sich. Wir steigen aus und ich spüre wie ein Arm sich bei mir einhängt. Ich versuche Riya abzuschütteln, aber sie scheint sich nur noch stärker fest zu krallen. Ich habe keine Kraft mit ihr zu kämpfen, also schleife ich sie hinter mir her auf das Hörsaalgebäude zu. Hello, darkness my old friend...

Kommentare

  1. Toll geschrieben und echt spannend. Ich freu mich schon auf das nächste Kapitel!!

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