KAPITEL 1 - Riya
(Soundtrackempfehlung: https://www.youtube.com/watch?v=uJgPGCrpZIY)
Mit einem Fauchen fährt der Windstoß unter meinen Schirm und ich habe alle Mühe ihn mit beiden Händen fest- und einigermaßen stabil zu halten. Der Regen trommelt mit tausend Fingern auf mich herab und der kalte Wind sucht sich seinen Weg in meine Kleider und schickt mir eine Gänsehaut über den Rücken. Der Himmel ist dunkel, verhangen von Gewitterwolken und ich bin dankbar, dass ich es nicht mehr weit habe bis zu meiner Wohnung.
Mit einem Fauchen fährt der Windstoß unter meinen Schirm und ich habe alle Mühe ihn mit beiden Händen fest- und einigermaßen stabil zu halten. Der Regen trommelt mit tausend Fingern auf mich herab und der kalte Wind sucht sich seinen Weg in meine Kleider und schickt mir eine Gänsehaut über den Rücken. Der Himmel ist dunkel, verhangen von Gewitterwolken und ich bin dankbar, dass ich es nicht mehr weit habe bis zu meiner Wohnung.
Außer mir ist jetzt keiner mehr zu Fuß unterwegs. Ich sehe ein paar vereinzelte Autos, aber die Sonne ist schon untergegangen und die meisten Fenster hell erleuchtet. Zu dieser Uhrzeit und bei diesem Wetter geht kein normal denkender Mensch noch aus dem Haus. Aber von normal war bei mir ja noch nie die Rede.
Erleichtert rette ich mich unter das Vordach vor meiner Haustüre und schaue für einige Minuten in den Regen. Das Prasseln über mir. Das Klimpern der Tropfen auf der gepflasterten Straße. Das ferne Rauschen des Sturms und das gelegentliche Klappern der Fensterläden an den Häusern. Die Luft ist frisch. Der Staub und die Abgase sind weggespült. Die Welt ist gereinigt. Zumindest für kurze Zeit.
Ich schüttle die Tropfen von meinem Regenschirm und trete in das Treppenhaus, wo ich den Regenschirm in eine Ecke stelle, damit er trocknen kann und dann die Treppenstufen zu meiner Wohnung erklimme. Die Stufen knarren und quietschen unter jedem meiner Schritte, wie es sich für ein hundert Jahre altes Fachwerkhaus gehört.
Meine Wohnung liegt im Dachgeschoss und es gibt keinen Aufzug. Ich versuche, mich über diesen Umstand hinweg zu trösten, indem ich mir sage, dass ich so ein hauseigenes Kalorien-verbrennungs-System habe, aber gerade an einem Tag wie heute hätte ich gute Lust, mich einfach nur auf die Stufen zu legen und mich von meinen - leider nicht existenten - Helfenden Elfen hinaufzaubern zu lassen.
Stattdessen schleppe ich mich erschöpft und mit nassen Füßen die 54 Stufen bis zu meiner Wohnung hoch und in meinem Kopf tanzen schon die Bilder eines fast perfekten Herbstabends. Eine Kanne heißen Tees, ein - vielleicht zwei - Cookies, das Buch, das ich mir gestern in der Buchhandlung gekauft habe. Einfach entspannen. Nichts tiefgründiges. Keine philosophischen Abhandlungen mehr. Kein Nietzsche, Kafka oder Sartre. Nichts mehr zum Denken, bitte.
Meine Finger sind noch steif von der Kälte und es braucht einen Moment bis ich mit dem Schlüssel das Schloss getroffen und aufgeschlossen habe.
Es folgt die allabendliche Routine. The same procedure as every day: Mantel auf den Haken. Schuhe ins Regal. Hausschuhe an die Füße. Schlüssel ans Schlüsselbrett. Rucksack in die Ecke und dann schlurfe ich mit dem letzten Rest an Energie, der mir noch verblieben ist, in die Küche.
Während das Wasser anfängt zu kochen, tragen mich meine Beine die wenigen Schritte in den angrenzenden Raum, ein kleines Wohnzimmer mit Sofaecke und einem Fernseher an der gegenüberliegenden Wand.
Ich lasse mich auf das Sofa fallen und drücke eines der Kissen fest an meine Brust. Ich kann meine Augen kaum offen halten. Aus der Küche höre ich schon das Pfeifen des Wasserkochers.
Ich spüre wie mir eine Träne über die Wange läuft. Die Nächste folgt. Ich habe nicht die Kraft, sie zurückzuhalten und ich will es auch gar nicht. Die Tränen sind wie mein eigener persönlicher Regen und ich kann förmlich spüren, wie sie den Staub und den Dreck aus meinem Herzen spülen, während ich still dort in den Kissen liege und dem Regen lausche, der auf das Fenster der Dachschräge über mir prasselt. Weint da gerade einer mit mir?
Das leise Pling aus der Küche verrät mir, dass das Wasser fertig ist, aber ich will noch nicht aufstehen. Noch nicht...
"Hier." Ich schlage die Augen auf und fahre hoch. Wie aus dem Nichts sitzt sie plötzlich vor mir. Eine junge Frau. Ich schätze sie auf mein Alter. Die schwarzen Haare in einem Pferdeschwanz fest gemacht. Ihr Make-up ist verschmiert und bildet zwei dunkle Ringe unter ihren Augen, als hätte sie gerade geweint. Ich starre sie nur an und meine Gedanken rasen wie wild durch meine Gehirngänge.
Mein Blick fällt auf die Tasse in ihrer Hand, die sie mir auffordernd hinhält.
Ich bin allerdings unfähig mich zu bewegen. Mein Herz rast wie verrückt und ich weiß nicht, welches Gefühl dieser Situation angemessen wäre. Verwirrung. Panik. Angst. Wut. Dankbarkeit...
"Wer bist du?..." Die Worte kommen über meine Lippen, bevor ich sie weiter hinterfragen kann.
Wer bist du? Was machst du in meiner Wohnung? Warum bietest du mir meinen Tee in meiner Teetasse in meinem Wohnzimmer an?
Das Mädchen seufzt erschöpft, stellt die Tasse neben mich auf den kleinen Wohnzimmertisch und steht dann auf. "Riya. Ich würde mich gerne etwas hinlegen, wenn es recht ist. Ich bin ziemlich müde und es wäre nett, wenn du hier nicht so rumpoltern würdest."
Ich bekomme für einen Moment den Mund nicht zu bei so viel Dreistigkeit. Wurde ich hier gerade in meiner eigenen Wohnung von einer fremden Frau gebeten leise zu sein, damit sie sich ausruhen kann? Ich scheine sie immer noch nur fassungslos anzustarren, jedenfalls lächelt sie ein wenig abschätzig. "Du bist wirklich nicht die Schnellste, oder? Egal, ich gehe jetzt schlafen. Gute Nacht!"
Ich folge ihr mit den Augen, wie sie in der Tür verschwindet und dem Geräusch nach zu urteilen schließt sie in diesem Moment die Tür zu meinem Schlafzimmer hinter sich.
Ich sitze wie erstarrt und merke plötzlich, dass sich meine Hände in das Kissen vor meinem Bauch gekrallt haben. Meine rechte Hand zittert, als ich sie ausstrecke und nach der Teetasse vor mir auf dem Tisch greife. Der vertraute Geruch der Früchteteemischung füllt meine Nase. Ich nehme einen vorsichtigen Schluck. Spüre die Wärme in meinem Mund, Hals, Bauch...
Ich stemme mich mühsam von der Kante des Sofas ab. Ich habe keine Lust, morgen mit Rückenschmerzen aufzuwachen, weil ich hier im Wohnzimmer auf der Couch eingeschlafen bin. Auf dem Weg zu meinem Bett entledige ich mich meiner Klamotten - der morgige Tag wird offenbaren, wohin -, putze mir (schnell und unaufmerksam, aber immerhin) die Zähne und werfe mir das Nachthemd über, dann kuschele ich mich unter die Decke. Ich höre Riya neben mir atmen und ich spüre wieder Wut in mir aufkochen, aber die Erschöpfung gewinnt die Oberhand und drückt mich sanft, aber bestimmt in die Kissen.
Erleichtert rette ich mich unter das Vordach vor meiner Haustüre und schaue für einige Minuten in den Regen. Das Prasseln über mir. Das Klimpern der Tropfen auf der gepflasterten Straße. Das ferne Rauschen des Sturms und das gelegentliche Klappern der Fensterläden an den Häusern. Die Luft ist frisch. Der Staub und die Abgase sind weggespült. Die Welt ist gereinigt. Zumindest für kurze Zeit.
Ich schüttle die Tropfen von meinem Regenschirm und trete in das Treppenhaus, wo ich den Regenschirm in eine Ecke stelle, damit er trocknen kann und dann die Treppenstufen zu meiner Wohnung erklimme. Die Stufen knarren und quietschen unter jedem meiner Schritte, wie es sich für ein hundert Jahre altes Fachwerkhaus gehört.
Meine Wohnung liegt im Dachgeschoss und es gibt keinen Aufzug. Ich versuche, mich über diesen Umstand hinweg zu trösten, indem ich mir sage, dass ich so ein hauseigenes Kalorien-verbrennungs-System habe, aber gerade an einem Tag wie heute hätte ich gute Lust, mich einfach nur auf die Stufen zu legen und mich von meinen - leider nicht existenten - Helfenden Elfen hinaufzaubern zu lassen.
Stattdessen schleppe ich mich erschöpft und mit nassen Füßen die 54 Stufen bis zu meiner Wohnung hoch und in meinem Kopf tanzen schon die Bilder eines fast perfekten Herbstabends. Eine Kanne heißen Tees, ein - vielleicht zwei - Cookies, das Buch, das ich mir gestern in der Buchhandlung gekauft habe. Einfach entspannen. Nichts tiefgründiges. Keine philosophischen Abhandlungen mehr. Kein Nietzsche, Kafka oder Sartre. Nichts mehr zum Denken, bitte.
Meine Finger sind noch steif von der Kälte und es braucht einen Moment bis ich mit dem Schlüssel das Schloss getroffen und aufgeschlossen habe.
Es folgt die allabendliche Routine. The same procedure as every day: Mantel auf den Haken. Schuhe ins Regal. Hausschuhe an die Füße. Schlüssel ans Schlüsselbrett. Rucksack in die Ecke und dann schlurfe ich mit dem letzten Rest an Energie, der mir noch verblieben ist, in die Küche.
Während das Wasser anfängt zu kochen, tragen mich meine Beine die wenigen Schritte in den angrenzenden Raum, ein kleines Wohnzimmer mit Sofaecke und einem Fernseher an der gegenüberliegenden Wand.
Ich lasse mich auf das Sofa fallen und drücke eines der Kissen fest an meine Brust. Ich kann meine Augen kaum offen halten. Aus der Küche höre ich schon das Pfeifen des Wasserkochers.
Ich spüre wie mir eine Träne über die Wange läuft. Die Nächste folgt. Ich habe nicht die Kraft, sie zurückzuhalten und ich will es auch gar nicht. Die Tränen sind wie mein eigener persönlicher Regen und ich kann förmlich spüren, wie sie den Staub und den Dreck aus meinem Herzen spülen, während ich still dort in den Kissen liege und dem Regen lausche, der auf das Fenster der Dachschräge über mir prasselt. Weint da gerade einer mit mir?
Das leise Pling aus der Küche verrät mir, dass das Wasser fertig ist, aber ich will noch nicht aufstehen. Noch nicht...
"Hier." Ich schlage die Augen auf und fahre hoch. Wie aus dem Nichts sitzt sie plötzlich vor mir. Eine junge Frau. Ich schätze sie auf mein Alter. Die schwarzen Haare in einem Pferdeschwanz fest gemacht. Ihr Make-up ist verschmiert und bildet zwei dunkle Ringe unter ihren Augen, als hätte sie gerade geweint. Ich starre sie nur an und meine Gedanken rasen wie wild durch meine Gehirngänge.
Mein Blick fällt auf die Tasse in ihrer Hand, die sie mir auffordernd hinhält.
Ich bin allerdings unfähig mich zu bewegen. Mein Herz rast wie verrückt und ich weiß nicht, welches Gefühl dieser Situation angemessen wäre. Verwirrung. Panik. Angst. Wut. Dankbarkeit...
"Wer bist du?..." Die Worte kommen über meine Lippen, bevor ich sie weiter hinterfragen kann.
Wer bist du? Was machst du in meiner Wohnung? Warum bietest du mir meinen Tee in meiner Teetasse in meinem Wohnzimmer an?
Das Mädchen seufzt erschöpft, stellt die Tasse neben mich auf den kleinen Wohnzimmertisch und steht dann auf. "Riya. Ich würde mich gerne etwas hinlegen, wenn es recht ist. Ich bin ziemlich müde und es wäre nett, wenn du hier nicht so rumpoltern würdest."
Ich bekomme für einen Moment den Mund nicht zu bei so viel Dreistigkeit. Wurde ich hier gerade in meiner eigenen Wohnung von einer fremden Frau gebeten leise zu sein, damit sie sich ausruhen kann? Ich scheine sie immer noch nur fassungslos anzustarren, jedenfalls lächelt sie ein wenig abschätzig. "Du bist wirklich nicht die Schnellste, oder? Egal, ich gehe jetzt schlafen. Gute Nacht!"
Ich folge ihr mit den Augen, wie sie in der Tür verschwindet und dem Geräusch nach zu urteilen schließt sie in diesem Moment die Tür zu meinem Schlafzimmer hinter sich.
Ich sitze wie erstarrt und merke plötzlich, dass sich meine Hände in das Kissen vor meinem Bauch gekrallt haben. Meine rechte Hand zittert, als ich sie ausstrecke und nach der Teetasse vor mir auf dem Tisch greife. Der vertraute Geruch der Früchteteemischung füllt meine Nase. Ich nehme einen vorsichtigen Schluck. Spüre die Wärme in meinem Mund, Hals, Bauch...
Ich stemme mich mühsam von der Kante des Sofas ab. Ich habe keine Lust, morgen mit Rückenschmerzen aufzuwachen, weil ich hier im Wohnzimmer auf der Couch eingeschlafen bin. Auf dem Weg zu meinem Bett entledige ich mich meiner Klamotten - der morgige Tag wird offenbaren, wohin -, putze mir (schnell und unaufmerksam, aber immerhin) die Zähne und werfe mir das Nachthemd über, dann kuschele ich mich unter die Decke. Ich höre Riya neben mir atmen und ich spüre wieder Wut in mir aufkochen, aber die Erschöpfung gewinnt die Oberhand und drückt mich sanft, aber bestimmt in die Kissen.
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