PROLOG - Von Inseln und Goldenen Drachen...

"Eine Insel mit zwei Bergen und dem tiefen weiten Meer, 
mit viel Tunneln und Gleisen und dem Eisenbahnverkehr.
Nun, wie mag die Insel heißen? Ringsherum ist schöner Strand.
Jeder sollte einmal reisen in das schöne Lummerland."
"Was summst du da vor dich hin?" Ich trete neben Josh und schaue ihm dabei zu, wie er die Zwiebeln mit dem großen Küchenmesser verarbeitet und zu kleinen Stücken hexelt, bevor er sie mit einem eleganten Schwung in die Pfanne befördert. Ich finde es bewundernswert, dass er dabei überhaupt keine Miene verzieht. Ich trete vorsichtshalber wieder zwei Schritte zurück. 
Josh grinst und ist schon dabei, der nächsten Zwiebel die Haut abzuziehen. 
"Hast du schon mal darüber nachgedacht, dass das Buch "Jim Knopf und Lukas der Lokomotivführer" kein Kinderbuch sein könnte?" 
"Bitte was?" 
"Was an meiner Frage hast du nicht verstanden?" 
"Äh. Entschuldige. Ich meinte: Bitte was?"
Josh seufzt und schiebt ein paar Zwiebelstücke in der Pfanne zurecht, bevor er sich zu mir umdreht. "Jim Knopf und Lukas der Lokomotivführer? Kein Kinderbuch."
Ich lache und trete wieder ein Stück näher, um mich auf der Küchenablage abzustützen. "Aha. Ok? Wie kommst du darauf? Was sollte es sonst sein?"
Josh wirft nochmal einen prüfenden Blick auf die Zwiebeln und schnappt sich dann die nächsten Opfer für sein Gemüsepfannen-Gemetzel: Die Paprika. 
"Naja. Kinderbücher sind es schon. Aber eben nicht nur. Michael Ende hat viel unterschwellige Kritik in seine Bücher mit eingebracht. Kritik an Rassismus und dem NS-Regime, Umweltprobleme, etc. und ein Charakter, den ich sehr genial finde, ist der Drache Frau Mahlzahn."
Ich schaue ihn an. Seine Miene verrät nichts, aber ich habe tatsächlich das Gefühl, dass er das gerade ernst meint. "Frau Mahlzahn? Ist das nicht der Drache, der die Kinder entführen lässt, um sie in ihrer sogenannten Schule in der Drachenstadt zu quälen? Wie kannst du die denn bitte genial finden?"
Josh blickt für einen Moment von seinen Paprika auf und sieht mich an. Irgendwie wird mir immer ganz seltsam, wenn er mich so anschaut, als könnte er mir direkt ins Herz gucken. Er lächelt, aber seine Augen sind ernst und vielleicht sogar ein bisschen traurig.
"Weißt du was mit Frau Mahlzahn passiert?" Die erste Ladung Paprika macht sich auf die Reise in die Pfanne. Ich schüttle den Kopf und schaue wie in Trance auf das Gemüse, dass dort in der Pfanne brutzelt und ich spüre schon meinen Magen knurren. Hmm...das riecht wirklich gut.
"Äh...doch. Sie wird von den Kindern an der Lokomotive hinterher gezogen und zurück nach China gebracht, richtig? Und irgendwie war da was mit 'nem Käfig und Schlaf und äh... keine Ahnung..."
Josh lacht. "Ja, fast richtig. Sie bringen sie zurück und sie wird in Mandala - nicht China - in einen extra Käfig gesperrt und dort..." Ich warte geduldig, während er hoch konzentriert dabei ist, die letzten Paprika-Kerne aus den engsten Winkeln zu pulen. "...fällt sie in einen langen Schlaf aus dem sie am Schluss verändert vorgeht: Vom normalen Drachen wird sie zu einem "Goldenen Drachen der Weisheit"."
"Oh, Weiser Goldener Drache Joschua! Verrate mir, wann wird das Mahl, das du mir bereitest, formvollendet in meinen Verdauungstrakt gelangen?" sage in in übertrieben ehrerbietigem Ton.
"Oh, du Unwissende!" fügt Josh im selben Tonfall hinzu, bevor er mir mit einem Lächeln auf zusammengepressten Lippen ein weiteres Messer in die Hand drückt. "Es würde wesentlich schneller gehen, wenn du deine Hände auch bemühen würdest." 
Unter meiner Hand müssen die Tomaten alle Hoffnung fahren lassen. Auch sie gesellen sich zu ihren Leidensgenossen. Josh fährt in seiner Lehre fort.
"Der Trick an der ganzen Sache war: Jim und Lukas haben Frau Mahlzahn zwar besiegt, aber eben nicht getötet, was sie hätten tun können. Stattdessen lassen sie sie am Leben und bringen sie mit zurück." 
Endlich ist die Versammlung in unserer Pfanne komplett und Josh beginnt das Ganze mit ein paar Kräutern und Gewürzen abzuschmecken. 
Wieder untätig, sehe ich ihn nur an und ich spüre, wie es in meinem Kopf zu rattern beginnt.
"Das heißt..."
"Das heißt... Menschen tendieren dazu, allem wovor sie Angst haben, grundsätzlich erstmal den Kopf abzuschlagen, bevor sie darüber nachdenken, was es denn noch für andere Möglichkeiten gegeben hätte. Der Drache muss besiegt werden. Das ist keine Frage. Aber wenn wir ihn am Leben lassen, statt ihm den Garaus zu machen..." Wieder trifft mich sein Blick aus tiefen braunen Augen. "dann kann daraus ein "Goldener Drache der Weisheit" werden."
Mit einem Schwung schnappt er sich die Untersetzer, schaltet die Schalter der Herdplatten auf Null und stellt die Pfanne mit ihrem duftenden Inhalt auf den bereits gedeckten Tisch, neben Reis und warme Soße. Sein schelmisches Grinsen ist zurück, als wir uns setzen und er sich zufrieden die Hände reibt: "Drachenfütterung!"



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