KAPITEL 5 - Scheinriese
Resigniert blicke ich auf das Chaos, das sich vor meinen Augen in meinem Wohnzimmer ausbreitet und mir wird ganz schlecht, als ich die ganzen leeren Chipstüten, Schokoladen-Verpackungen und Pizzakartons auch nur ansehe. Mein Magen sendet mir eindeutige Signale, die mich dazu veranlassen, diesen Ort des Grauens so schnell wie möglich zu verlassen und mich in die Küche zu retten, die weitgehend verschont geblieben ist, von dem vor-abendlichen Massaker.
Während das Wasser zu kochen beginnt, tippe ich schnell eine kurze Nachricht an Josh in mein Handy und mache mich langsam daran, mit Müllsack und Handschuhen bewaffnet, das Schlachtfeld wieder in einen Wohnraum zurück zu verwandeln. Die Krümel in der Sofaritze reichen vermutlich noch als Mahlzeiten für die nächsten drei Tage.
Als Josh endlich an meiner Tür klingelt habe ich das Wohnzimmer immerhin schon zu einem ganz ansehnlichen Zustand gebracht.
"Ich hätte dir auch helfen können. Das wäre wesentlich schneller gegangen."
Ich winke ab. "Glaub mir, das hättest du nicht sehen wollen. Das war die reinste Räuberhöhle." Josh lacht. "Mit Räuberhöhlen kenn' ich mich aus."
Für einen Moment schweigen wir uns an, während der heiße Tee in den Tassen vor uns dampft. Wie eine perfekt choreographierte Gruppenformation tanzen die kleinen Wassermoleküle durch die Luft und verschwinden aus meinem Sichtfeld. Sogar mein Tee hat bessere Laune als ich.
Ich nippe an meinem Tee und bereue meine Entscheidung sofort. Warum muss ich immer so ungeduldig sein.
"Wie geht's dir jetzt?" Josh sieht mich ernst an. Er sieht besorgt aus, aber es ist nicht die Art von Sorge, wo man sich klein und hilflos fühlt. Irgendwie tut seine Sorge mir gut. Ich bin ihm nicht egal.
Ich lache verlegen. "Jetzt weil ich mir die Zunge verbrannt habe, oder wegen Lenny?"
Aber Josh lacht nicht mit und ich werde auch wieder ernst.
Wie geht es mir? Es ist erschreckend, dass ich gar nicht so genau weiß, wie es mir eigentlich geht.
Kommandozentrale an Herz: Statusabfrage! Wie ist die Lage?
Herz an Kommandozentrale: Positiv. Schlage regelmäßig.
Kommandozentrale: Nee. Ich meine Wohlbefinden! Wie geht es Ihnen?
Herz: Sage ich doch: Mir geht es gut. Alles Blut wird rechtzeitig ausgeliefert. Gibt es eine Beschwerde bei der Bestellung?
Kommandozentrale: Nein! Keine Beschwerde. Wer ist denn hier zuständig für den ganzen Psychoscheiß?
Herz: Ach, Sie meinen die Seele? Ja, da sind Sie bei mir falsch. Ich weiß aber auch nicht so ganz, wo die sich gerade herumtreibt.
Kommandozentrale: Hmm. Nun gut. Ich werde eine Nachricht in den Gruppenchat stellen, vielleicht wissen die Füße mehr.
Herz: Ich bezweifle es. Die sind doch etwas ab vom Schuss. (lacht sich kaputt über den schlechten Wortwitz)
Kommandozentrale: Man weiß nie, wo sich eine Seele nicht alles verstecken kann. Vielleicht gerade in den hintersten....
"Erde an Mi? Bist du noch da?" Josh zieht seine Hand wieder zurück, mit der er mir bis vor wenigen Sekunden noch vor der Nase rum gewedelt hat. Ich schüttle mich kurz und versuche mich zu orientieren. Der Tee in meiner Hand ist jetzt fast kalt geworden. Dann sehe ich wieder Josh an und merke, dass ich seine Frage immer noch nicht beantwortet habe.
"Äh...Um ehrlich zu sein...Ich weiß nicht so ganz. Ich glaub, ich hab mich ne Weile nicht mehr gesehen." Ich halte mich an meiner Tasse fest und beobachte angestrengt die Maserung des Tisches vor mir.
Josh lächelt und etwas in mir fängt zu kribbeln an. Es fühlt sich an wie wenn die Füße eingeschlafen sind. Vielleicht wacht gerade meine Seele wieder auf?
"Erinnerst du dich an Herrn Tur Tur?" Ich starre ihn einige Sekunden lang mit hochgezogenen Augenbrauen an. Manchmal frage ich mich, ob Josh nicht doch verrückt ist, aber könnte ich mich beschweren? Ich bin wohl unschwer die Verrücktere von uns beiden.
In den fernen Gefilden meines Hinterkopfes, höre ich ein leichtes Glöckchen klingeln. Herrn Tur Tur. Wo habe ich diesen Namen schon mal gehört?
Ich grinse und schaue ihn belustigt an. "Was hast du eigentlich immer mit deinem Jim Knopf?"
Josh zuckt mit den Achseln. "Es ist ein geniales Buch und genau das Richtige für dich."
Ich täusche tiefe Entrüstung vor. "Wie bitte? Ich bin deiner Meinung nach also auf dem geistigen Stand eines Grundschulkindes?"
Josh lacht und breitet seine Arme aus. "Lasset die Kindelein zu mir kommen."
"Wie du meinst." Ich schmeiße mich auf ihn und es beginnt eine wilde Rauferei, bis wir beide schwer atmend auf dem Boden liegen und ich bemerken muss, dass es Lenny geschafft hat einen Erdnussflip an die Decke zu kleben. Dieser Typ hat echt nen Schaden.
"Herr Tur Tur ist ein Scheinriese. Je weiter er von einer Person entfernt ist, desto größer erscheint er und je näher er kommt, desto kleiner wirkt er."
Mein Herzschlag beruhigt sich wieder mit der Zeit und ich lasse Joshs Worte in meinem Kopf nachklingen, während sich meine Brust weiter hebt und senkt. Ein Scheinriese.
Ich spüre wie Josh jetzt den Kopf dreht und mich anguckt. Ich kann ihn nicht anschauen. Ich habe das Gefühl, wenn ich ihn jetzt ansehe, werde ich das Wasserwerk nicht mehr anhalten können.
"Wovor hast du Angst?" Ich spüre seine warme Hand, die meine hält und ich möchte ihn am liebsten umarmen, möchte mein Gesicht in seinem Hemd verstecken und nie wieder auftauchen.
Ich habe Angst. Viel Angst. Angst davor allein gelassen zu werden. Angst davor, dass andere mich nicht mögen. Angst davor, zu versagen. Angst, dass auch Josh irgendwann keine Lust mehr auf mich hat. Angst davor, nicht genug zu sein.
"Hey Mi komm mal her." Und jetzt nimmt er mich fest in den Arm. "Ich hab dich lieb. Weißt du das?" Ich halte mich an ihm fest und er hält mich. Ich spüre, dass er stark genug ist für uns beide. Unwillkürlich stiehlt sich ein Lächeln auf meine Lippen und Herr Tur Tur sieht schon ein kleines Stückchen kleiner aus.
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