KAPITEL 4 - Lenny

"Kannst du mir mal die Chips da geben?" Ich seufze und reiche Lenny die Tüte mit den extra scharfen Chips. Er hat es sich auf meinem Sofa bequem gemacht, den Couchtisch ganz nah zu sich ran geschoben und eine kleine Festung aus Snacks und Getränken um seine Ruhestätte aufgebaut. Fast mein gesamter Süßigkeitenvorrat ist schon drauf gegangen, aber der Film ist noch lang und Lenny braucht nicht lange bis er die Hand schon weit in die Tüte stecken muss.
Lenny gehört zu den Leuten, die keine besondere Einladung brauchen um vor deiner Tür zu stehen. Es gibt Tage, da kommt er einfach rein, flätzt sich auf mein Sofa oder mein Bett, als wäre es sein Zuhause und sendet mit seiner Anwesenheit den Befehl: Filmabend aus. Meistens kommt er genau an den Tagen, an denen ich sowieso schon total erledigt bin. Widerstand ist daher selten.
Mit Lenny reden zu wollen hat keinen Sinn. Man könnte genauso gut mit einer Wand reden.
Einmal habe ich tatsächlich versucht ihm einfach nicht die Tür zu öffnen, woraufhin er, und es ist mir bis heute schleierhaft, wie er das angestellt hat, einfach den Generalschlüssel des Hausmeisters gemopst hat. Seitdem wartet er sogar manchmal auf mich, wenn ich nach einem langen Tag wieder gestresst nach Hause komme.
Lenny liebt Komödien, Kabarett, alles was im Ansatz witzig und unterhaltsam ist. Er gehört zu der Sorte Leute, die noch nie versucht haben bei einer "Try-not-to-laugh-challenge" nicht zu lachen und die Versuche meinerseits ein tiefgründiges Gespräch zu führen wurden seinerseits nur mit dem Betätigen der Lauter-Taste auf meiner Fernbedienung quittiert.

Ich schaue auf die Uhr und mein Herz setzt einen Schlag aus. 3:24 Uhr. Wiederwillig reiße ich mich aus der Umklammerung des Sofas und schlage die lange Reise Richtung Bett an. Lenny liegt zusammengerollt in seiner Festung und schnarcht. Er ist die personifizierte Raupe Nimmersatt, aber wenn er schläft sieht er eigentlich ganz friedlich aus.
Nur noch ein paar Stunden Schlaf, bevor mich mein Wecker morgen wieder ans Tageslicht dröhnt. Ich würde am liebsten die Zeit anhalten und den ganzen Schlaf nachholen, den ich meinem Körper in den vergangenen Tage nicht gegönnt habe. Aber das Raum-Zeit-Kontinuum steht gegen mich und ich muss mich wohl oder übel damit abfinden, dass vier-einhalb Stunden genug sein müssen, um mich über den morgigen Tag zu retten. Kurz bevor mir meine Augen zufallen muss ich an Josh denken.
Morgen müssen wir Lenny wirklich zusammen raus schmeißen.

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