KAPITEL 3 - Verlorene Stimme

"Deine Zeit ist begrenzt. Deshalb vergeude dein Leben nicht damit, das Leben eines Anderen zu leben. Lass den Lärm der Meinung anderer nicht deine innere Stimme ersticken. Und was am wichtigsten ist: hab den Mut, deinem Herzen und deiner Intuition zu folgen." 
Wahrhaft inspirierende Worte vom Gründer des weltweit größten Apfel-Unternehmens. Und mal eine erholsame Abwechslung der künstlerischen Innengestaltung der Damen-Sanitäranlagen des Philosophie-Gebäudes meiner Uni. 
"Das Leben der Anderen". Gab es da nicht mal so einen Film? Aber der war irgendwie über Bespitzelung in der DDR. Apropos bespitzelt. Riya steht schon bei den Waschbecken und wartet auf mich und wieder muss ich enttäuscht feststellen, dass mein Gebet einer sofortigen Entrückung (egal ob von ihr oder von mir) nicht in Erfüllung gegangen ist. Ich mustere sie unauffällig, während ich mir die Hände wasche und mein Blick bleibt an ihrem übergroßen grauen Pulli hängen. Sie sieht richtig verloren in dem Ding aus. Immer wieder schiebt sie sich die Ärmel über die Ellenbogen, damit sie nicht nass werden, aber sie sind zu weit und rutschen ihr immer wieder über die Hände. 
Ihre schwarzen Haare sind zu einem lockeren Pferdeschwanz zusammen gebunden. Eine schlichte Jeans. So wie sie rum läuft braucht sie sich ganz sicher keine Sorgen zu machen, dass ihr irgendjemand hinter her pfeift. Aber vielleicht ist das auch genau ihre Absicht. Nach ihrem Kommentar heute im Bus über meinen kurzen Rock halte ich das gar nicht mal für so abwegig und ich bin mir ziemlich sicher, dass ich sie heute den ganzen Tag noch mit keinem einzigen männlichen Wesen in näherem Kontakt gesehen habe. Vielleicht steht sie ja auf Frauen?
"Kannst du bitte aufhören, mich anzuglotzen?" Riya sieht mich im Spiegel an. "Hab ich irgendwas im Gesicht, oder was ist dein Problem?" 
Ich beende den Trocknungsvorgang meiner Hände und laufe an ihr vorbei aus der Tür. Ich habe keine Lust mich mit ihr zu unterhalten, geschweige denn zu streiten. Ich frage mich, was sie überhaupt noch hier macht. Jeder normale Mensch hätte sich schon längst aus dem Staub gemacht, oder würde zumindest nicht den ganzen Tag wie ein Schatten hinter mir her laufen.
Was ist schon normal? Mich überkommt der Verdacht, dass "normal" vermutlich ein Begriff ist, für den es allein in Deutschland 88 Millionen unterschiedliche Definitionen gibt (alle Ärzte dreifach gezählt).
Wie zu erwarten folgt mir Riya auf den Fuß. Es fühlt sich ein bisschen so an, als hätte ich einen kleinen Welpen, der jeder meiner Bewegungen folgt. Nur leider ist mein Welpe nicht süß und gleicht das Defizit dieser Aufmerksamkeitsbeschaffungsmöglichkeit durch nerviges Gerede aus. 
"So ein Playboy. Der hat vermutlich schon Dutzende gehabt," höre ich es hinter mir murmeln, als zwei Kommilitonen, aus dem Semester über mir, an uns vorbei laufen. Ich knirsche wütend mit den Zähnen bei dem Versuch, Riyas Anwesenheit so gut es geht zu verdrängen. Ich hoffe, dass sie sehr bald verschwindet, sonst werde ich schon bald keine Zähne mehr haben. 
Ich beschleunige meine Schritte und mache mich, nachdem ich das Hörsaal-Gebäude verlassen habe, raschen Schrittes auf den Weg zur Uni-Bibliothek, wo ich mir noch ein paar Bücher für meine anstehende Seminararbeit ausleihen und kopieren muss. Riya hält ohne Problem Schritt und ich spüre, dass ich im Begriff bin, meinem Vorsatz, sie zu ignorieren, untreu zu werden. Ihre Gegenwart, die mir kalt im Nacken hängt, ihre Schritte hinter mir auf dem Pflaster, ihr Atem und das pausenlose Gemurmel...
"Kannst du bitte aufhören mir nachzulaufen!" Ich schreie ihr die Worte förmlich ins Gesicht. Ich kann nicht mehr. Ich werde noch verrückt, wenn das so weiter geht. 
Sie schaut mich nur an. Sagt nichts. Schweigt und doch höre ich ihre Antwort. Nein. 
Auch wenn ich es nicht verstehe. Auch wenn ich es nicht leiden kann. 
Den Rest des Tages schweigt sie. Sie ist still. So still, dass ich es tatsächlich schaffe zu vergessen, dass sie da ist. Still, auch als wir nach Hause gehen. Am Abend schweigt sie und am Morgen sehe ich sie nicht mehr. Nicht im Bus und nicht in der Uni. Nicht auf dem Heimweg und nicht als ich in ihr Zimmer gehe. Es ist als wäre sie vom Erdboden verschwunden und an manchen Tagen wache ich morgens auf und frage mich, ob es doch nur ein Traum war, dass sie da war. Der Alptraum wird zum Traum. Der Traum zur Erinnerung und eine weitere Erinnerungskugel wird hinab gestürzt auf den Gedankenfriedhof. Auf Nimmer-Wiedersehen!






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